«Geometrisches Farbenspiel – Textilkunst» Marion Köhler van Rijn
Marion Köhler van Rijn entwirft und näht kunstvolle Wandteppiche. Die verheiratete Mutter von zwei erwachsenen Söhnen lebt und arbeitet in St. Gallen.
Meinen Fragenkatalog beantwortet sie mit viel Offenheit und gewährt dabei persönliche Einblicke in ihren künstlerischen Werdegang, ihre Inspirationen und die Leidenschaft, die sie mit jedem ihrer textilen Werke verbindet.
Wann hast Du mit dem Patchwork oder dem textilen Arbeiten begonnen?
Marion: Bereits als Kind in den Niederlanden gestaltete ich gerne mit meinen Händen, sei es stricken, nähen, zeichnen, malen, knüpfen und so weiter. Wenn ich meine Grossmutter besuchte, stickte oder strickte sie immer und ich bewunderte ihre Werke und ihre Geduld.
Später, während der Schulzeit in der Schweiz, genoss ich die damals anspruchsvolle Handarbeit und die kreativen Fächer. Seit meiner Jugend beschäftige ich mich mit visueller Gestaltung und textiler Arbeit.
Den ersten «echten» Quilt brachte mein Mann mit in die Ehe. Dieses grosse Stoffwerk hing als Bild an der Wand.
Das ermutigte mich, selbst grossflächige Werke unter anderem mit Stoff zu gestalten. Und Jahre später erhielt ich einen antiken Quilt aus Amerika von meiner Mutter geschenkt. Diese Quilts gefallen mir immer noch, und ich schätze auch heutige Quilts, die traditionell gefertigt wurden, aber die damit verbundene doch sehr rigide Tradition mit den Regeln und Mustern entspricht nicht meinem Bedürfnis nach Kreativität. Gerne setze ich mir selbst Regeln, probiere aus oder gestalte intuitiv.
Triangel Quadrangel, 1992 Blaue Brise, 2021
Arbeitest Du intuitiv, nach Schema oder gemäss einer bestimmten Technik?
Marion: Als junge Mutter begann ich Stoffstücke zu bemalen, oder sammelte zum Beispiel bedruckte Einpackpapiere von Orangen und nähte diese zusammen.
Dann entdeckte ich in einem Brockenhaus das Buch «The complete Book of Seminole Patchwork» von Beverly Rush, 1982. Diese Technik regte mich dazu an, Musterstoffe zusammenzunähen, mehrmals zu zerschneiden und wieder zusammenzunähen, um ein grösseres Werk zu gestalten (Siehe «Orientalische Stadt, 1986). Etwa bis 1995 nähte ich diverse unterschiedliche Werke und nahm an Ausstellungen teil (z.B. Dunkles Kaleidoskop, 1989 / Rot, Blau, Grün verflochten, 1990 / Triangel Quadrangel, 1992).
Ab und zu blättere ich auch heute noch in Büchern über Quilts oder Textilkunst, freue mich über all das Interessante, lasse mich aber davon kaum inspirieren. Lieber besinne mich auf meine eigenen Vorstellungen.
Viele meiner Werke verbinden strenge Geometrie mit einem reichen Spiel der Farben und den stofflichen und taktilen Qualitäten von Seide, Baumwolle und anderen Geweben.
Orientalische Stadt 1986 Dunkles Kaleidoskop 1989
Inzwischen sind über 40 Jahre vergangen.
Nach einer langen Pause für Ausbildungen, Weiterbildung und Berufsleben als Lehrperson mit nur wenig Zeit für meine eigenen kreativen gestalterischen Interessen geniesse ich jetzt meine Pensionierung und habe wieder angefangen, textile Werke zu gestalten, zu nähen, auszustellen und zu verkaufen.
Ist für Dich der Entwurf immer zielführend?
Gibt es klare Strukturen zur Entwurfsgestaltung? Woher kommen Inspiration und Ideen?
Marion: Heute gehört das Entwerfen und Gestalten von Wandteppichen zu meinem Alltag. Mich inspirieren einerseits geometrische Muster und andererseits Farben generell und Farbkombinationen der Natur. Auf Wanderungen mache ich zum Beispiel immer wieder Schnappschüsse. In Gedanken oder auf Papier entwickle ich Ideen weiter und anschliessend bereite ich ein Projekt vor: ich lege Stoffe aus, bis mir das Material und die Farbzusammenstellung passt, schneide benötigte Stoff zu und, und, und. Für Entwurf, Auswahl der Stoffe und Komposition lasse ich mir gerne viel Zeit, bis alles stimmt.
Von der ersten Idee bis zu einem fertigen Werk können Monate vergehen. Vieles läuft parallel, und immer wieder greife ich auch Themen aus früheren Werken auf, übernehme zum Beispiel die Geometrie, aber spiele mit anderen Farben oder verfolge die Idee weiter.
Über die Jahre entwickelte sich meine eigene Technik. Während des Gestaltens und Nähens entstehen immer wieder neue Ideen, wie ich die Planung, Vorbereitung oder das Nähen mit der Maschine ein nächstes Mal anders machen könnte.
Es kommt vor, dass ich mit meinem Entwurf auf Papier zufrieden bin, aber Teilstücke der Arbeit aus farblichen Gründen dennoch anders zusammennähe. Überhaupt mag ich die Mischung von Planung und Zufall. Das Spielerische ist für mich wichtig und spannend. Oft nähe ich Einzelteile mit zufälligen Farbkombinationen aus den zuvor zusammengestellten Stoffen. In einem nächsten Schritt werden die Teile auf den Boden ausgelegt und ich betrachte die Komposition aus Distanz von einer Leiter herab. So ordne ich über zwei, drei Wochen immer wieder neu, bis das Zusammenspiel klingt. Dann erst nähe ich das Werk mit der Nähmaschine zusammen. Anschliessend werden Vorderseite mit der Rückseite punktuell oder in Nähten fixiert und mit einem Rand zusammengefasst. Danach lasse ich mich gerne vom fertigen Werk überraschen, indem ich es in verschiedenen Räumen mit unterschiedlichen Lichtverhältnissen betrachte.
Rhombenvariationen 2024
Bevorzugst Du bestimmte Materialien?
Marion: Meistens gestalte ich Werke mit qualitativ unterschiedlichen Textilien aus der ganzen Welt, im Allgemeinen neuwertige, einfarbige Stoffe. Sie sollten aber eine gewisse Dicke und Festigkeit nicht überschreiten, denn je nach Anzahl der Teile, die zu einem Punkt führen, ist es sonst fast unmöglich, sie zusammenzunähen.
Arbeitest Du im eigenen Atelier?
Marion: Mein Atelier ist mein eigenes, persönliches Zimmer. Ich habe das Glück, in einer Altbauwohnung mit sehr grossen und hohen Räumen leben zu können.
Impressionen aus Sambia 2020, Tischläufer
Gibt es in Zukunft Ausstellungen? Wo kann man Deine Werke besichtigen?
Marion: Ab und zu erhalte ich einen Auftrag für eine Arbeit, sei es für private oder geschäftliche Räumlichkeiten, die eine persönliche Ausstrahlung haben sollen. Dann lasse ich mich von den Örtlichkeiten inspirieren, folge aber meinen eigenen Ideen.
Während der 90er Jahre nahm ich an mehreren Ausstellungen teil. Ab 2020 konnte ich drei Jahre lang wechselnde Wandteppiche in der Fächerei in Winterthur ausstellen. 2025 stellte ich einen Monat lang ein Teil meiner Werke in der Denkbar, St. Gallen, aus.
Sehr gefreut hat mich, dass eines meiner Werke für die Teximus 5, 2026, in Zug ausgewählt wurde.
Wenn ich ein Werk verkaufe, berechne ich den Materialverbrauch und die Zeit des reinen Nähens mit der Maschine und von Hand. Es ist mir wichtig, dass die Werke für die Interessenten erschwinglich sind.
Webseite: Marion Köhler van Rijn tiletextile.ch
Interview/Text/Layout für patchquilt/Regula Affolter
Kaleidoskop 2025
